Lost in Schöppingen

Sollte ich einmal irgendwann in ferner Zukunft meine Memoiren schreiben – und bei den gegebenen Self-Publishing-Möglichkeiten ist diese Drohung durchaus ernst zu nehmen – dann wird es sicherlich auch die eine oder andere peinliche Geschichte zu erzählen geben, denn bei aller Professionalität passieren ab und zu auch Fehler.

So gab es bisher immer ein, zwei Stories, bei denen ich beim erzählen rot werde (ja Philipp, eine davon hat mit Fahrrädern zu tun). Ab heute ist eine weitere dazugekommen:

Ende Mai bot unser Softwarepartner Shopware einige Schulungen an. Ansich nichts besonderes, aber eine Schulung am 6. Juni mit unserem alten ePages Wegbegleiter Oliver Majuntke war so interessant, dass ich sofort gebucht habe. Ein paar Tage später rief mich eine Dame von Shopware an und lud zum „Meat and Greet“ im Hawaiihemd. Am Telefon ist der Gag mit dem „Meat“ nur halb so lustig und kommt erst in der folgenden Einladungsmail zur vollen Wirkung, ich verstehe nun: Es wird gegrillt bei Shopware. Super verlockend denn am übernächsten Tag ist die besagte Schulung. Spontan sage ich zu und buche das Hotel. Leider wurde die Schulung Anfang dieser Woche wieder abgesagt, bleibt nur noch das Gemeinschaftsgrillen – naja, was solls.

Heute war es dann soweit – das Angrillen ist für 16 Uhr angesetzt. Ich räume mir den Vormittag frei und starte entspannt mit Frau, Kind und einem späten Frühstück in den Tag. Gegen Mittag breche ich auf, so kann ich im Hotel noch Emails beantworten. Zu Shopware sind es rund 180 km, die kann man ohne zu rasen in 1 1/2 Stunden packen.

Entspannt komme ich in Schöppingen an: Es riecht nach Land, es riecht nach Schwein. Zu meinem Verdruss noch nach der ungegrillten Rohversion, denn ich habe langsam Hunger. Ich checke im Hotel ein. Der nette Wirt ist ein Kenner, er schaut auf die obligatorische Laptoptasche und fragt mit forschendem Blick: „Shopware oder Bepado?“ Ich merke, hier gibt es nur eine richtige Antwort. Shopware antworte ich – Treffer – ich bekomme das „Rosenzimmer“. Er erzählt mir beim Papierkram, dass er das Essen für Shopware liefert. „Auch heute?“, frage ich, denn schließlich wollen die Shopware-Jungs doch den Grill anwerfen. „Auch heute.“, lautet seine Antwort. Ach, ich wurde also mit falschen Versprechungen hergelockt. Ich betrete das Rosenzimmer und komme bei dessen Anblick zur Erkenntnis, dass die richtige Antwort wohl doch „Bepado“ gewesen wäre.

Rosenzimmer

Wie geplant arbeite ich noch ein wenig vom Hotel und breche dann zu Fuß auf Richtung Shopware. Zwar nicht im Hawaiihemd, aber zumindest bleibt das Sakko im Auto und ein legeres Grill- und Biertrinkeroutfit ist angesagt. An einer Straßenecke steht ein Erdbeerstand, die Verkäuferin lächelt mich freundlich an. Bleib mir weg mit dem roten Grünzeug, gleich gibt es was vom Grill freue ich mich und ziehe weiter. An der Abzweigung zu Shopware grüßt mich ein Mechaniker einer KFZ-Werkstatt ölverschmiert, aber freundlich lächelnd. Nette Leute hier – der Schweinegeruch macht offenbar glücklich. Nur noch wenige Meter. Ich scheine einer der ersten zu sein, jedenfalls sind nur ein paar Autos auf dem Shopware Parkplatz.

Der Empfang ist verwaist – vermutlich stehen die schon alle entspannt am Grill, denke ich. Im Büro des Finanzgurus ist noch Licht, ich gehe rein und auch die beiden Hamann-Brüder sind dort versammelt, klasse die kenne ich noch nicht persönlich. Fragende Gesichter schauen mich an – Leute Meat and Greet, es gibt Fleisch etwas mehr Enthusiasmus bitte. Ich frage wo ich hin muss. Stefan Hamann schaut betreten zu Boden. Der Büroinhaber erbarmt sich nach einer gefühlten Ewigkeit peinlichen Schweigens und sagt, „Ja, aber doch nicht heute, dass ist am 4. Juli“….

Kennt ihr den Moment, wenn man merkt, dass man sich gerade zum Vollhorst gemacht hat!? Aaaah, Boden bitte öffne Dich. Ich gehe meine Optionen durch. Ich könnte es mit „Guckt mal da draussen, ein Koalabär!“ versuchen und schnell abhauen. Wo ist eigentlich dieser Shopman, wenn man ihn braucht?! Ich entscheide mich für einen koordinierten Rückzug, wir wechseln noch ein paar Worte der Schadensbegrenzung und ich entschwinde Richtung Hotel. Auf dem Weg zurück komme ich am Mechaniker vorbei, der nun einen großen Schraubenschlüssel in der Hand hält und grimmig dreinblickt. Auch die Erdbeerfachverkäuferin würdigt mich keinen Blickes mehr – oh Gott, woher wissen die denn schon…

Im Hotel schleiche ich mich am Wirt vorbei und sitze wieder in der roten Rosenhölle. Ich gehe wieder meine Optionen durch: Ich könnte im Zimmer bleiben, übernachten, morgen einfach nach Hause fahren und von einem Barbecue erzählen, dass so gut angekommen ist, dass es im Juli bereits wieder wiederholt wird – ein guter Plan finde ich. Zumal mir auf dem Heimweg die Erkenntnis gekommen ist, dass die Hamanns mich gar nicht und der Finanzguru mich nur vom Telefon kennt. Klar, die Partnerschaft mit Shopware werden wir aufgeben müssen, aber das ist eben der Preis dafür wenn man Juni und Juli nicht auseinanderhalten kann….

Nach einer halben Stunde der Besinnung packe ich meine Koffer, buche tapfer beim freundlichen aber nun mehr und mehr verwirrt dreinblickenden Wirt ein neues Zimmer für den 4. Juli und mache mich auf den Heimweg. Mist, der Tank ist leer. Ich tanke im Nachbarort und als mir die Tankwartin nach dem Bezahlen ein „auf Wiedersehen“ nach ruft höre ich einen ironischen Unterton…

Auf der Rückfahrt weicht das Peinlichkeitsgefühl von mir und ich muss herzlich lachen. Scheiße passiert. Das iPhone wählt mit Zufallswiedergabe das passende Lied und Jürgen Drews schmettert „Irgendwann, Irgendwo, Irgendwie sehen wir uns wieder…“, na wenn die Musikmischung nicht peinliche Story Nummer 4 ist…

Fassen wir zusammen: Einen entspannten Morgen mit der Family gehabt, in die rote Hölle gekommen, mich zum Vollhorst gemacht, mit der Erdbeerfrau und dem Mechaniker verschissen, für die Frankfurter Affen 369km gefahren, morgen definitiv im Gespräch bei Shopware 😀

Aber das beste kommt zum Schluss: Zuhause angekommen ist dem freudig strahlenden Junior völlig egal ob der Papa Juni und Juli unterscheiden kann, Hauptsache er ist wieder da – Recht hat er!

Oliver Kraft

Oliver Kraft ist Gründer und Geschäftsführer des auf E-Commerce-Lösungen spezialisierten Dienstleisters sologics GmbH & Co. KG.Der staatlich geprüfte Betriebswirt kann auf mehr als 18 Jahre E-Commerce Erfahrung zurückgreifen. Er begleitet erfolgreich zahlreiche E-Commerce Projekte verschiedenster Größenordnung – vom Startup bis zum börsennotierten Großunternehmen.Oliver Kraft ist verheiratet und stolzer Vater von 2 Söhnen.

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