Lokaso Siegen im Selbstversuch

Screenshot Lokaso Siegen

Unter dem Motto „Siegen zu neuen Ufern“ hat die Stadt Siegen in den vergangenen Jahren ihr Gesicht verändert. Mit der Freilegung der Sieg, dem neuen Siegufer, der Umgestaltung der Unterstadt und dem Einzug der Uni in den neuen Campus am unteren Schloss ist ein großer Teil der Arbeiten nun fertiggestellt worden. Am vergangenen Wochenende wurde Siegens neue Mitte eingeweiht und mit dem Siegener Uferfest gebührend gefeiert.

Auch ein Teil der Siegener Einzelhändler macht sich nunmehr auf zu neuen Ufern: Seit dem Wochenende ist „Lokaso“, das regionale Webkaufhaus online. Grund genug, sich das Portal einmal etwas genauer anzuschauen und im Selbstversuch zu testen.

Lokaso ist online im Soft-Launch

Lokaso wurde von unseren Kollegen Billiton umgesetzt. Und ja, wir haben für eine große siegener Zeitung 2011 einmal ein Shoppingportal umgesetzt. In dessen Entwicklung sind wir jedoch seit 2012 nicht mehr involviert. Wer jetzt also ein munteres Bashing erwartet, wird leider enttäuscht.

Ganz im Gegenteil, Lokaso Siegen befindet sich im Soft-Launch. Das heißt, es kommen noch laufend neue Händler hinzu. Zudem weist ein großer Hinweis auf der Startseite den Besuchern darauf hin, dass noch nicht alle Baustellen im System abgearbeitet sind. Es ist also ziemlich sinnlos, sich auf einzelne Feinheiten zu konzentrieren, die 300 Meter Luftlinie von hier so oder so bereits im Backlog zur Abarbeitung stehen. Bei einem Projekt wie Lokaso machen die letzten 20 % zur Fertigstellung einen ähnlichen Aufwand die ersten 80 %. Da ist ein Softlaunch der beste Weg das Projekt erstmal auf die Straße zu bekommen.

Ich persönlich finde ein lokales und gebündeltes Online-Shoping-Angebot wünschenswert, denn ich kaufe überwiegend online ein. Getränke und Lebensmittel machen die Ausnahme. Darüber hinaus alles, was nicht in einen Kofferraum passt. Bei einer Waschmaschine, einem Rasenmäher oder Ähnlichem kaufe ich nur vor Ort und freue mich bislang durchgängig am hohen Serviceerlebnis. Auch einen Beratungsklau finde ich abartig. Wenn ich mich gut beraten fühle, rückt eine vermeindliche Online-Ersparniss in den Hintergrund und ich kaufe vor Ort.

Lokale Händer sind online kaum Sichtbar, Lokaso schafft Sichtbarkeit

Einen großen Teil meiner Online-Käufe tätige ich in überregionalen Webshops, da leider die wenigsten lokalen Händler ein Online-Angebot für mich bereitstellen. Genau hier setzt Lokaso an. Es macht Händler online sichtbar und erhöht so deren Reichweite. Zudem ist die Plattform zentral gemanagt. Hosting und Betrieb, Updates und Weiterentwicklungen sind Dinge um die sich der Händler nicht kümmern muss. Lediglich wer seine Produkte nicht digital gepflegt hat, muss dies nun im Zuge der Datenpflege nachholen und etwas Fleiss investieren.

Stand heute kostet den Händler die Teilnahme an Lokaso 149 Euro/Monat + 7 % Provision auf dem Umsatz. Ich glaube viel geringer kann eine Einstiegshürde in den E-Commerce nicht sein, auch wenn sicherlich noch interne Kosten für die Datenpflege entstehen. Zudem sind auch Dienstleister auf Lokaso herzlich willkommen, so dass unter der Plattform viel mehr entsteht als nur ein reines Webkaufhaus. Es entsteht Vielfalt und hoffentlich auch eine ganze Menge Dynamik, die es immer wieder interessant machen wird, das Lokaso Webkaufhaus für Siegen regelmäßig zu besuchen.

Lokaso in Siegen ist eine Chance für alle

„Online Handel ist nichts für Warmduscher“, sagte Professor Gerrit Heinemann in der FAZ vom 29.03.2016 und daran ändert auch Lokaso nichts. Vielfalt ist eine Erwartung die ich an ein „Kaufhaus“ online wie auch offline habe. Diese Vielfalt können nur die lokalen Einzelhändler mit ihren Produkten schaffen. Die Warenpräsentation ist im Netz nicht weniger aufwändig als im Laden. Im Gegenteil: Aussagekräftige Fotos, Artikeldaten, Marketingtexte uvm. sind nötig. Hier kann Lokaso zwar die Händler coachen und entsprechend fit machen, umsetzen müssen diese das Gelernte dann aber selbst. Lokaso ist für die Händler eine Chance, ob und wie gut diese genutzt wird, liegt in der Hand jedes Einzelnen. Ein Selbstläufer ist Lokaso sicher nicht.

Lokaso in der Pilotregion Siegen

Die Kollegen von Billiton entwicklen Lokalso selbstverständlich nicht nur aus Lokalverbundenheit. Ziel ist es, das Projekt auch in anderen Regionen an den Start zu bringen. Im Wettberwerb steht Lokaso dann beispielweise mit der Software aus dem Hause der Bad Reichenhaller Atalanda GmbH, deren Lösung unter anderem in Wuppertal und Attendorn im Einsatz ist. Schaut man sich die Lösung von Atalanda an, finden sich viele Ähnlichkeiten zum Konzept in Siegen aber auch ein großer Unterschied: Atalanda erhebt individuelle Liefergebühren je Händler. Aus kaufmännischer Sicht ist das vollkommen nachvollziehbar, aber für den Kunden unter Umständen ziemlich unschön. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen in einem Warenhaus in der Bekleidungsabteilung, in der Süsswarenabteilung und in der Haushaltswarenabteilung und müssen hier jeweils 5,95 Euro für den Service bezahlen.

Genau hier hat Lokaso zumindest für Siegen den Trumpf in der Hand: In unserer Region übernimmt Billiton neben der Weiterentwicklung der Plattform, der Vermarktung und dem Service auch die komplette Logistik innerhalb des vom Händler bezahlten Service-Fees. Das heißt, keine extra Versandkosten für Lieferungen in der Region und keine Mindestbestellwerte. Das ist schon ein ziemliches kaufmännisches Wagnis, das der Betreiber hier eingeht. Andererseits ist dieses Zugeständnis aus Marketingsicht eine gute Möglichkeit zügig Bestellungen auf der Lösung zu generieren und dies entsprechend positiv zu kommunizieren. Außerdem wird dem Händler die ungeliebte Versand- und Rücksendelogistik abgenommen. Ob dieses Anschub-Modell in den Folgeregionen auch so übernommen wird weiß ich nicht. Für Siegen als Pilotregion ist das aber erstmal grandios.

Probieren wir es aus: Lokaso im Selbstversuch

Gestern gehen Mittag habe ich es dann einfach mal ausprobiert und mein Abendessen online über die Plattform zusammengestellt. Herausgekommen ist dort mit Frischfisch, Blumenkohl, Käse und einem Nachtisch eine Lieferung von rund 22 Euro von 4 unterschiedlichen Anbietern. Bei Atalanda in Attendorn hätten alleine die Lieferkosten ohne Ware 23,80 Euro ausgemacht.

Um 16 Uhr kommt ein Anruf der Lokaso-Fee: Es sind nur zwei Fischfilets beim Händler verfügbar, statt der bestellten vier. Für mich OK, ich weise jedoch kurz darauf hin, dass im Lokaso-Webkaufhaus der Preis je 100 g angegeben ist und ich somit 400 g Fisch erwarte. Die Fee war sehr nett, aber mein Hinweis wird nicht verstanden, wie ich später merke.

Ich fahre abends nach Hause und bin gespannt was nun passieren wird. Pünktlich, zwei Minuten nach 18 Uhr steht der Lokaso-Bote auf der Matte. Der Fisch ist mit gecrushtem Eis perfekt gekühlt, die Lieferung ist komplett. Ich bezahle per EC, sogar noch weniger als bestätigt, da ich ja nur 2 statt 4 Fischfilets bekommen habe. 18 Euro und ein paar Zerquetschte. Der Bote ist freundlich, mein Kauferlebnis ist positiv. Ein Lokaso-Flyer und eine Karte auf der steht wer meine Lieferung gebracht hat liegen bei.

Aus Neugier wiege ich in der Küche nach. Wenn ich 200 g Käse bestelle, bekommt man das relativ einfach hin, aber was ist mit dem 1000 g Blumenkohl oder den 400 g Fisch? Bei Naturprodukten durchaus eine spannende Frage. Die Erkenntniss nach dem Wiegen ist ernüchternd: Garnicht. Der Käse passt vom Gewicht. Der Blumenkohl liegt mit 800 g aber 1/5 unter dem bestellten und bezahlten Gewicht. Die Fischlieferung reißt das mehr als heraus. Statt der bestellten 400 g habe ich 200 g bezahlen müssen, da die Lokaso-Feen aus 4 x 100 g, 4 Stück interpretiert haben, aber nur 2 liefern konnten. Letztlich geliefert wird wurden über 1.000 g Fisch für weniger als 4 Euro. Irgendwie bin ich auch ein wenig froh, dass nicht nur ich Schwierigkeiten mit der Bestellung von Naturprodukten hatte, sondern auch das Lokaso Team selbst.

Meine Lokaso-Lieferung in Bildern

Fazit

Das unterschiedliche Verständnis der Bestelleinheiten war die größte Auffälligkeit an meiner Lieferung. Für mich sind das kleine Anlaufschwierigkeiten, die sich schnell einspielen werden. Für die Naturprodukte ist vielleicht eine Abrechnung nach tatsächlichem Gewicht sinnvoller. Mein Kaufvertrag wurde ingesamt übererfüllt, also ist aus meiner Sicht alles gut, auch wenn wir nun diese Woche mindestens 3 Mal Fisch essen werden ????

Viel entscheidender war, dass die Logistik funktioniert hat und ich ein positives Einkaufserlebnis hatte.

Für die lokalen Einzelhändler ist mit Lokaso die Schwelle in ein Shoppingportal für Siegen einzusteigen extrem niedrig. Zudem profitieren die Händler davon, dass in Siegen die Pilotphase stattfindet, Billiton das Projekt also erfolgreich machen will. Die Pain-Points Versandkosten und Versandlogistik hat das Lokaso Team identifiziert und nimmt das Zepter selbst in die Hand. Positiv für Siegen, positiv für die Händler und positiv für Billiton, die sicher so mehr Bestellungen generieren können als mit Mindestbestellwert und Logistikkosten.

Auf Dauer muss aber auch Lokaso wirtschaftlich sinnvoll zu betreiben sein und dazu gibt es bestimmt einen avisierten Tagesumsatz, der hoffentlich zügig erreicht wird. Ich werde das Projekt sicher weiter im Auge behalten und freue mich, insbesondere regionale Produkte nun auch online kaufen zu können.

Update

09.09.2016

Zum Ende der Woche steht der Wochenendeinkauf an. Diesen möchte ich mir dieses Mal mit der Hilfe von Lokaso etwas erleichern lassen. Am Donnerstag Abend bestelle ich über die Lokaso Plattform für das Lieferfenster am Freitag von 13 bis 15 Uhr. Gar nicht so einfach, denn die Suche liefert keine Suchvorschläge und scheint nur exakt zu suchen.

In den Kategorien ist das Angebot recht unübersichtlich. In der Kategorie Bücher finden sich beispielweise mehr als 7.000 Produkte auf einer Seite. Bei den Lebensmitteln sind es round about 700 Produkte. Leider bietet Lokaso in den Kategorien nur Sortierfunktionen, jedoch keinerlei Filter. Das macht die Auswahl schwierig und offen gestanden auch etwas nervig.

Letzlich bleibe ich bei den Lokaso-Teilnehmern die mich bereits am Montag überzeugt haben und bestelle Salat, Dips, Käse, Brotaufstrich und Fisch. Diesmal ruft keine Lokaso-Fee an, es scheint alles klar zu sein. Um 14:50 Uhr, also noch immer im Zeitfenster, kommt die Lieferung wieder perfekt an. Die Gewichte passen diesmal auch beim Fisch. Der Salat wurde nach Stück berechnet. Der bestellte Blattsalat wurde ohne Rücksprache durch einen Eichblattsalat ersetzt. Damit kann ich leben. Die Abwicklung war wieder top, bei der Plattform vermisse ich insbesondere Filter auf Kategoriebene und eine State-of-the-Art-Suchlösung. Hier ist noch „Luft nach oben“.

29.09.2016

Diese Woche wurde Lokaso gleich 2 mal genutzt, ein verpasstes Jubiläum hat mich in die Verlegenheit gebracht, schnell ein Geschenk zu benötigen, also nichts wie ran ans Lokaso-System und schnell noch einen Geschenkkorb geordert, Lieferung in 3 Stunden bitte und Quittung für die Buchhaltung nicht vergessen. Alles klappt perfekt!

Dann noch schnell eine private Bestellung für den nächsten Tag absetzen, mit ein paar Bio Lebensmitteln vom Birkenhof und leckerem Käse aus Freudenberg. Hierbei merke ich, dass die Gewichtsproblematik noch immer nicht ganz gelöst ist. Statt 1 Stück = 100 Gramm sind es beim Käse jetzt 1 Stück = 250 Gramm und beim Gemüse gibt es den Artikel jetzt gleich mehrfach, einmal als 500 Gramm Variante oder als 1000 Gramm Variante. Zudem fallen mir als E-Commerce-Fuzzi natürlich sofort die teilweise nicht vorhandenen oder falsch gepflegten Grundpreise auf. Hier ist auch aus rechtlicher Sicht Handlungsbedarf.

Positiv fällt mir auf, dass wenn auch die Suche immernoch nur stumpf funktioniert, die Filterung nach Teilnehmern optimiert wurde. Ebenfalls gut gefällt mir, dass nun auch Fleisch über einen Händler bestellbar ist. Das fällt jedoch nur auf, wenn man ein wenig stöbert. Da ich nun doch etwas häufiger auf der Plattform unterwegs bin würde mir eine Kategorie „neue Produkte“ sehr helfen.

Die Lieferung erfolgt bereits am Donnerstag, statt wie bestellt am Freitag. Für uns jedoch kein Problem, da wir zufällig zuhause waren. Leider fehlt leider ein Brot. Dieses war bereits auserkauft und Lokaso hatte den Artikel noch im Bestand. Für den nächsten Tag wird mir eine Nachlieferung angeboten, was wir gerne annehmen. Am nächsten Tag, erfolgt dann leider der Anruf, dass das Brot wieder nicht lieferbar ist. Sei es drum, aber es zeigt, dass auch der Top-Service von Lokaso nichts gegen schlecht gepflegte Bestände ausrichten kann.

Screenshots

Was ist mir Lokaso wert?

Lokaso liefert in der Pilotphase in Siegen kostenfrei. Das ist grandios, aber sicherlich auch kein Dauerzustand. Nun muss ich zugeben, dass ich mir gut vorstellen kann Lokaso auch in Zukunft regelmäßig zu nutzen. Aber was ist mir Lokaso wert? Was bin ich bereit auszugeben für eine taggleiche Lieferung mit dem Lokaso Top-Service?

Aus meiner Kundensicht kann ich mit zwei Einschränkungen leben:

1. Mit einem Mindestbestellwert je Teilnehmer, so dass Bestellungen über ein Päckchen Salz für 0,65 Euro unterbunden werden. 10 Euro je Teilnehmer sind aus meiner Sicht ein Betrag mit dem ich gut leben könnte.

2. Für die Lieferung am gleichen Tag wäre ich bereit bis zu 6 Euro zu bezahlen, allerdings je Bestellung und nicht je Teilnehmer.

Hier bin ich sehr gespannt welche Lösungen sich bei Lokaso in Zukunft etablieren werden und ob die beteiligten Händler für einen Neukunden, den Sie über das Netz erreichen, mit einer niedrigeren Marge durch eine Bezuschussung der Logistikkosten leben  können.

Oliver Kraft

Oliver Kraft ist Gründer und Geschäftsführer des auf E-Commerce-Lösungen spezialisierten Dienstleisters sologics GmbH & Co. KG.

Der staatlich geprüfte Betriebswirt kann auf mehr als 18 Jahre E-Commerce Erfahrung zurückgreifen. Er begleitet erfolgreich zahlreiche E-Commerce Projekte verschiedenster Größenordnung – vom Startup bis zum börsennotierten Großunternehmen.

Oliver Kraft ist verheiratet und stolzer Vater von 2 Söhnen.

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