Eine goldene Villa und ein Pool voller Geld…

Wer kennt die Situation nicht: Ein Interessent meldet sich über die Webseite oder telefonisch und und fragt einmal das Modell „Weltherrschaft“ auch bekannt als „Amazon, nur in gut“ an.

Zugegeben solche Anfragen werden immer seltener und es gelingt in den allermeisten Fällen bereits schnell herauszukitzeln ob dafür mehr als 5.000 Euro Budget zur Verfügung stehen oder nicht. Doch in Zeiten aggressiven Marketings von Homepagebaukästen und Startershops, gibt es auch ab und an Anfragen die von falschen Vorstellungen getragen werden.

Wenn Wunsch und Wirklichkeit nicht zusammenpassen

Wenn man dann über harte Zahlen in Form von Stundensätzen, Lizenzen, Support, Projektlaufzeit und Vermarkungsaufwand spricht, wird manchem Interessenten bewusst, dass da eine große Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft. Die netten, sagen das dann offen, bedanken sich für die Mühe und suchen nach anderen Möglichkeiten ihre Wünsche umzusetzen. Die weniger netten legen schonmal einfach auf oder melden sich nie wieder.

Es geht auch anders

Das es auch ganz anderes geht zeigte mir ein Interessent vor ein paar Wochen: Wir hatten ein Angebot für eine Einsteigerlösung erstellt. Der Interessent meldete sich zurück und teilte mit, dass wir in der Tat den besten Eindruck gemacht hätten und er gerne mit uns starten möchte. Dummerweise seien wir rund 1/3 teurer als der günstigste Anbieter.

Gerade bei Einsteigerlösungen passiert sowas garnicht so selten, denn in dieser Liga sind oft noch Freelancer unterwegs, die mit einem anderen Preisgefüge aber auf der anderen Seite auch i.d.R. auch mit weniger Leistungsfähigkeit im Vergleich zu einem professionellen Dienstleister auf dem Markt unterwegs sind. In solchen Fällen greifen wir zum Telefonhörer und sprechen ganz offen mit dem Kunden. So auch in diesem Fall.

Mein Gesprächpartner freut sich über den Anruf und hat Zeit. Ich erkläre unsere Leistungen, zeige Einsparpotential an zwei Zusatzfunktionen, mache sodann aber deutlich, dass wir die Preisdifferenz zum Wettbewerber auch damit nicht schließen können. Was dann kommt ist genauso unerwartet wie unerfreulich für mich. Mein Gesprächspartner stellt mir dar, wie enttäuscht er doch von mir und unserem Angebot sei. „Ich müsse ja in einer goldenen Villa mit einem Pool voller Geld leben.“

Ich schließe schonmal per Mouseclick den Lead im CRM, entschließe mich aber dennoch nachzufragen, wie es zu solchen Überlegungen auf seiner Seite gekommen sei. Die Frage bringt meinen Ansprechpartner nun in Rage, er rechnet den angebotenen Stundensatz mal 8 und multipliziert das ganze mit 21 Arbeitstagen. Abschließend fragt er ganz frech was denn der arme Programmierer unter einem solchen Chef wie mir verdienen könne.

Ich habe genug gehört, verneige mich freundlich vor soviel kaufmännischem Sachverstand und beende das Gespräch – gut dass ich der Chef bin, ich habe Administratorenrechte im CRM und kann Leads auch löschen. Diesen hier will ich jetzt löschen und es soll weh tun *Muhahah*

Was vom Mitarbeiter übrig bleibt

Nun haben die meisten Leser vermutlich bereits gemerkt, dass der Interessent eine Milchmädchenrechnung aufgestellt hat. 21 Arbeitstage zu 8 Stunden. Ja, wenn das wirklich die Stunden wären, die ich guten Gewissens für einen Mitarbeiter in Rechnung stellen könnte, dann wäre zwar vielleicht keine Villa aber ein Pool drin oder zumindest eine große Badewanne.

Doch Pustekuchen: Gehen wir mal von 250 Arbeitstagen aus, davon gehen im Schnitt 38 Tage für Urlaub, Krankheit und sonstige Fehlzeiten drauf, also schonmal schlappe 15 % die weg sind, aber trotzdem bezahlt werden müssen. Soweit ist das garnichts besonderes, damit muss jeder Arbeitgeber leben.

Programmierer müssen nicht nur das Projekt, sondern auch sich selbst weiterentwickeln

Ein Besonderheit meiner geliebten Branche ist es, dass wir natürlich ständig nach neuen Wegen und Lösungen suchen. Dass wir Abläufe optimieren wollen und Standards etablieren. Hierfür brauchen wir kreative Geister und müssen diesen Geistern genügend Raum geben. Und ja, da geht auch schonmal was schief.

Ein Kollege merkt am Mittwoch, dass die Idee von Montag nicht mal halb so gut funktioniert wie gedacht und man sich schlichtweg verrannt hat. Also Haken dran, nochmal im Team nachdenken und einen zweiten Anlauf starten. Dann kommt auch noch ständig irgendwo eine Meldung über den Ticker über ein neues Framework einen noch besseren Deployment-Prozess und der Chef hat auch noch den Anspruch, dass die eine oder andere Lösung am Markt auf ihre Eignung für die sologics-Kunden geprüft wird. Alles Dinge mit denen sich ein guter Programmierer heute beschäftigen muss und dass geht definitiv nicht nebenbei. Hierfür müssen wir den Raum schaffen.

65 sind die neuen 100 Prozent

Wir rechnen im Schnitt mit weiteren 20 %, die für Austausch, Weiterbildung und kreativen Raum berücksichtigt werden müssen. Also bleiben unterm Strich nur rund 65 % übrig.

Diese 65 % oder rund 108 Stunden im Monat sind dann schlussendlich noch interessant, denn das sind die Stunden, die ein Programmierer im Durchschnitt und in Vollauslastung (!!!) an abrechenbaren Leistungen überhaupt erbringen kann. Das ist der lausige Rest an Stunden in denen alle Kosten und ein kalkulierter Gewinn erwirtschaftet werden müssen.

Oliver Kraft

Oliver Kraft ist Gründer und Geschäftsführer des auf E-Commerce-Lösungen spezialisierten Dienstleisters sologics GmbH & Co. KG.Der staatlich geprüfte Betriebswirt kann auf mehr als 18 Jahre E-Commerce Erfahrung zurückgreifen. Er begleitet erfolgreich zahlreiche E-Commerce Projekte verschiedenster Größenordnung – vom Startup bis zum börsennotierten Großunternehmen.Oliver Kraft ist verheiratet und stolzer Vater von 2 Söhnen.

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