Die Eierlegende Wollmilchsau oder der Wunsch nach Amazon in schön

Amazon ist im Internet wahrscheinlich das, was Starbucks im Kaffee-Business ist: Eine Erfolgsgeschichte, die viele Nachahmer auf den Plan gerufen hat. So sieht man in vielen Großstädten teilweise drei oder mehr „verschiedene“ Kaffeehausketten in direkter Nachbarschaft, die sich wenn überhaupt nur im Logo unterscheiden. Wie es anders geht, dass zeigen kleinere, spezialisierte Cafebars, die ihren Kunden mehr bieten als standardisierten Kaffee-Einheitsbrei mit bescheuerten Phantasie-Namen, die sich sowieso kein Mensch merken, geschweige denn aussprechen kann. Merke: Man kann also auch abseits von „Tall Decaf White Chocolate Caramel Macchiato“ erfolgreich sein.

Und wie verhält es sich im Internet? Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass der Hype irgendwann ein wenig abebbt, aber der Wunsch nach „Amazon in schön“ gehört interessanterweise immer noch zu den Vorstellungen mit denen man am häufigsten konfrontiert wird. Natürlich ist es sinnvoll, dass man sich vorher Referenzsysteme anschaut und auch den Blick zur Konkurrenz oder großen Playern der Branche wagt. So kann man jedenfalls im Hinblick auf die Planungen des eigenen Systems wertvollen Input sammeln. Naheliegend, dass dabei auch Amazon in den Fokus rückt, ein Schwergewicht der Branche, das im E-Commerce Maßstäbe gesetzt hat. Aus Kundensicht ist der Wunsch nach (der nahezu unerreichbaren) Waffengleichheit also nachvollziehbar. Nur wo kämen wir denn hin, wenn jeder Shop so aussehen und funktionieren würde, wie der auf Performance getrimmte Shop von Amazon? Na gut, Amazon ist intelligent, verkauft eigentlich alles zu teils unschlagbaren Preisen und ist in vielen Sortimentsbereichen ohne Zweifel einfach extrem stark. Aber: Amazon hat auch Schwächen. So sollte es normalerweise einen Unterschied machen, ob ich Bücher oder Abendkleider verkaufe. Nur bei Amazon eben nicht. Und das ist nur ein Nachteil, den sich Online-Shop-Betreiber zu Nutze machen sollten. Das Problem ist nur, dass viele Händler zwar viel wollen, dabei aber zu wenig wagen. Wenn die Kunden dann erwartungsgemäß doch lieber beim großen Bruder kaufen, ist das Geschrei groß. USP ist hier das Stichwort. Über diesen wird sich nur leider bei aller Kopiererei von der Konkurrenz, viel zu wenig Gedanken gemacht. Stattdessen wird adaptiert, getreu dem Motto: „Bei Amazon funktioniert es doch auch“. Dabei beschleicht einen das Gefühl, dass ein Konzept anscheinend völlig überbewertet zu sein scheint. Und so muss man leider allzu häufig feststellen, dass Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander liegen.

Philipp Hoberg

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