Der Shopware Community Day 2015 und der gefährlichste Job der Welt

Ich bin selbst schuld, schließlich hätte ich mir einen anderen Job suchen können. Irgendwas ungefährliches wie Stuntman, Sprengmeister, Vorkoster oder Bodyguard. Tja, aber irgendwie haben mich die digitalen Handelsbeziehungen in ihren Bann gezogen und ich verdiene mir hier mein Brot. Ganz erfolgreich sogar, denn sonntags reichts sogar für Brötchen. Dass dies der gefährlichste Job der Welt ist war mir natürlich klar, doch der Shopware Community Days verlangte mir wieder mal alles ab, ich erlebte Dinge… nein ich kann noch nicht darüber schreiben… Vielleicht am Ende dieses Blogposts ….

1.500 Teilnehmer, mehr als 40 Sessions

Statt wie üblich im Frühjahr lud Shopware in diesem Jahr am 4. September auf den Tobit Campus in Ahaus ein. Nicht weniger als das Versprechen, dass dieser Community Day der „atemberaubendste aller Zeiten“ werden sollte sorgte für einen raschen Ausverkauf der Tickets. Rund 1.500 Teilnehmer folgten der Einladung. Erstmals war das Programm auf einen Tag komprimiert worden. Neben den hochkarätigen Sprechern auf der Hauptbühne gab es zwei „Tracks“ einen für die Techniker und einen für die Kaufleute. Insgesamt kamen so knapp über 40 Vorträge und Sessions zusammen.

Wer schon einmal auf einem Community-Day gewesen ist und Shopware einmal live erlebt hat, der weiß, die Jungs da können nicht leise und haben die Vermarktung der Marke „Shopware“ im Griff. So gab es bei den Keynotes in den Vorjahren bereits den DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“ auf der Bühne und im letzten Jahr schleppte Darth Vader Bepado Beta im Sarg auf die Bühne. So waren meine Erwartungen auch in diesem Jahr natürlich groß.

Auf der Bühne ist kurz vor Beginn der Keynote eine Art Stühlchenkreis mit Riesenstühlen aufgebaut. Oh weh… ich hoffe da versucht sich nicht nochmal jemand an einem Kasperletheater und geht ein paar Monate danach über die Wupper.

Es kommt besser als gedacht, der Chinesische Staatszirkus führt eine Artistennummer auf, für die eine junge Dame die Stühle stapelt und unter das Hallendach klettert. OK, es war deutlich besser als es nach meiner Beschreibung klingt. Ich war fast ein bischen enttäuscht, als die Dame am Ende der Nummer wieder runtergeklettert ist und Stefan Hamann über die schnöde Treppe die Bühne betrat. Ich sah ihn vor meinem geistigen Auge bereits am Drahtseil durch die Halle schwebend einfliegen. Vielleicht war das ja auch die erste Idee und er hat in der Planungsrunde einfach gesagt: „Leute ich werde zu alt für den Scheiß. Holt jemanden den wir dafür bezahlen können sich den Hals zu brechen.“ Gut so!

Solides Business statt Showeffekte

In der Keynote dann auch eher solides Business als große Showeffekte: Der Martplatz Bepado ist tatsächlich nochmal in Echt gestorben und wird künftig als „Shopware-Connect“ weitergeführt. Das hatten sich die Macher sicherlich noch vor einem Jahr anders vorgestellt. Als Gründe führt Stefan Hamann unter anderem an, dass das Projekt immer komplexer wurde und sich von der Kernidee wegentwickelt hat. Das positive an diesem Aus ist, dass Bepado in Shopware-Connect weitergeführt wird, so dass bestehende und neue Händler die Kernfunktionen auch in Zukunft nutzen können. Ob und wie das genutzt wird und ob die Funktionen auf Sicht in Shopware-Connect integriert bleiben, bleibt abzuwarten. 

 Auf Seite der Geschäftsentwicklung wächst Shopware weiter. Insbesondere der lukrative Enterprise-Bereich nimmt weiter Fahrt auf. Technisch fand ich zwei Neuerungen nennenswert. Zum einen werden im Backend Ext JS Alternativen möglich gemacht, so dass Anpassungen im Backend von den Entwicklern leichter umgesetzt werden können. Der andere Kracher unter dem Motto „To hell with categories“ sind die neuen Productstreams. Diese ermöglichen ein vom Händler über Filter bestimmte, dynamisch generierte Produktzusammenstellung. Eine richtig coole Sache die viele Händlerherzen höher schlagen lassen werden. Alle Neuerungen ab Shopware 5.1 hat Jochen G. Fuchs auf t3n zusammengestellt.

Ich fand die Keynote erfreulich erwachsen und hätte auch auf die Kletternummer am Anfang gut verzichten können – ausdrücklich ohne die grandiose Leistung der Artisten hier kleinreden zu wollen.

Highlights und Lowlights – die Sessions

Die Vorträge auf der Hauptbühne waren eindeutlich überwiegend Highlights. Insbesondere der Vortrag von Carsten Cramer vom BVB unter dem Motto „Echte Liebe – die digitale Welt des BVB“ war unterhaltsam und gab ein paar Insights in das Geschäftsmodell eines Bundesligisten.

Daneben gab es dann ein paar Shopware Showcases, wie das Euronics-Projekt mit Cross-Channel-Verknüpfung zu den Filialen oder auch der neue Gaastra-Shop den der Kunde in Eigenregie umgesetzt hat.

In den Sessions sind die subjektiven Erlebnisse durchwachsener. Neben informativen und guten Vorträgen gibt es auch ab und an reine Produktpräsentationen, die wenig Blick über den Tellerrand zulassen.

Der Tag schließt mit einem Vortrag von Philipp Schuch zum Thema „Neue User Interfaces – Das Online-Shopping der Zukunft“. Danach wird nochmal geklettert und geturnt (ich meine das ganz ehrlich nicht so despektierlich wie ich es schreibe), dann gehts zum Bier in die Bamboo-Bar.

Verregnete Abendveranstaltung

Die Beach-Party im fußläufig erreichbaren „Bamboo“ soll der krönende Abschluss des Tages werden. Leider hat in diesem Jahr das Wetter nicht mitgespielt und es war ziemlich verregnet. Shopware füllt die Reihen der abgereisten Besucher aus den eigenen Reihen auf, so dass die Mitarbeiter scheinbar bis zum Schwippschwager dritten Grades jeden mitbringen können, der Feierlaune hat. Entsprechend gut ist die Stimmung trotz Regenwetter. Es gibt Burger und Fleisch vom Grill, Salate, Cocktails und jede Menge eiskaltes Heinecken. Leider merke ich recht schnell, dass mein Körper dem feucht kühlen Wetter Tribut zollt und entscheide mich nach einer weiteren Showeinlage des Staatszirkus den Rückzug zum Hotel anzutreten – der vermutlich größte Fehler meines Lebens….

Vom Rosenzimmer in die Vorhölle

Manch ein Leser dieses Blogs weiß, dass ich zu einem Termin eher früher als zu spät auftauche. Vor einem Jahr ist mir so eine Nacht im Rosenzimmer in einem Schöppinger Hotel durch eigenes Verschulden durch die Lappen gegangen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich einmal Sehnsucht nach eben diesem Rosenzimmer haben würde.

Als Hotel hatte ich ein nettes, vielleicht etwas rusikales aber durchweg gut bewertetes Hotel mit dem viel versprechenden Namen „Dorf Münsterland“ für mich und meinen Kollegen ausgesucht. Wir gönnen uns Business-Zimmer, die sind ruhiger gelegen und haben ein paar kleine Extras. Ich freue mich auf eine ruhige Nacht in einem beschaulichen Hotelchen, eine Dusche, ein gutes Bett und ein gutes Frühstück in netter Atmosphäre am Samstagmorgen. Auf den letzten Metern zum Hotel drücke ich meine Nase staunend an die Autoscheibe. Der Parkplatz vom Frankfurter Flughafen ist ein kleines Ding gegen den Parkplatz vor „Dorf-Münsterland“. Gut am Flughafen wird auch vermutlich keiner an der Einfahrt stehen und kotzen, aber was solls. Wir fahren durch eine Art Phantasialand zum Saufen zum Hotel vor.

Ein Security-Mitarbeiter öffnet mir die Türe zum Eingangsbereich mit der Rezeption. Neben dem Einchecken ins Hotel kann der geneigte Gast hier auch große Teile seines Monatseinkommens auf eine Karte laden lassen und dann gegen Getränke eintauschen. Vor mir lädt ein junger Mann 200 Euro auf eine Karte. Ich denke an meine Jugend zurück und Disko-Besuche mit 20 Mark in der Tasche… Als der Mann fertig ist und wir an der Reihe sind werfe ich ihm einen respektvollen Blick zu.

Wir checken ein. Die junge Dame hinter dem Tresen möchte uns auf die „Besonderheiten des Hauses“ hinweisen und die „verschiedenen Lokalitäten“ die uns für den Abend und die Nacht noch zur Verfügung stehen. Ich verneine unser Interesse an der Erklärung, schließlich wollen wir nur noch in unsere ruhigen Business-Zimmer-Betten und in Ruhe pennen. Sie schaut mich entsetzlich traurig an. Ich glaube ihr Augenlied hat kurz gezuckt, dann sagt Sie mechanisch, dass sie uns einen angenehmen Aufenthalt wünscht.

Ich betrete mein Business-Zimmer. Drei Betten stehen da – was zur Hölle für ein Business machen die denn hier?! Ich gehe duschen und beschließe zu schlafen. Ich könnte nun noch viel schreiben. Zum Beispiel, dass es total doof ist, wenn man zu dritt ein Zimmer mit nur einem Schlüssel hat. Klar, dass dann der erste der ins Bett musste und dort nun besoffen den Schlaf der Gerechten schläft mit Schlägen gegen und Rufen durch die Tür geweckt werden muss um den zweiten Schlafwilligen einzulassen. Noch bescheidener für den eigenen Schlaf ist dann, wenn man realisiert, dass da vermutlich auch drei Betten im Zimmer stehen und Feier-Willy Nummer drei auch in ein zwei Stunden ins Bett will. Genauso war es dann auch. Ich könnte Schreiben vom gut gelaunten Mann mit dem ostdeutschen Dialekt, der um 5 Uhr Morgens dringend seine „Drinnen-Stimme“ gebraucht hätte oder von dem Mann dessen Frau oder Freundin sich in eines der Zimmer auf meiner Etage „verirrt“ hat und er deshalb die Zimmer nach „Nico dem Flachwichser“ abchecken muss.

Ich schlafe von einem „Ereignis“ bis zum nächsten. Als um 7 Uhr im Nachbarzimmer ein Heimkehrer lautstark gefeiert wird, beschließe ich aufzustehen. Um 9 Uhr haben wir uns zum Frühstück verabredet. Ich staune, dass außer uns der Frühstücksraum gut besucht ist. Ich staune, dass man es am Nachbartisch schafft einen halb vollen Chafing-Dish mit Rührei auf einen Teller zu stapeln. Eine weitere Gruppe, naja Menschen wäre wohl übertrieben, bestellt zum Kaffee noch drei halbe Liter Bier. Ein paar Blondinen in den frühen Vierzigern, die offensichtlich schon so einiges erlebt haben, werfen uns aufmunternde Blicke zu. Wir wollen nur noch hier weg!!!

Nachdem die Koffer geholt sind, frage ich den Concierge, der da in einer Montur steht auf die jeder Concierge in Adlon und Co. neidisch wäre, ob das wirklich Businesszimmer in ruhiger Lage waren. Er bejaht. auf die Frage wie laut denn dann „normale“ Zimmer seien gibt er keine Antwort. Mein Kollege Martin und ich haben genug und gehen auf den Parkplatz zur Ecommerce-One. Wir steigen ein und genießen für einen Moment die Stille und uns wird klar, dass wir wieder einen Tag geschafft haben, einen Tag im Ausnahmezustand, einen Tag zwischen Normalität und Nervenzusammenbruch, einen weiteren Tag im gefährlichsten Job der Welt. Hashtag #allesfürshopware

Der Shopware Community Day 2016 steht bevor. Das Hotel ist gebucht. Es ist nicht „Dorf Münsterland“, es ist nicht die Rosenhölle. Wünscht uns Glück!

Oliver Kraft

Oliver Kraft ist Gründer und Geschäftsführer des auf E-Commerce-Lösungen spezialisierten Dienstleisters sologics GmbH & Co. KG.

Der staatlich geprüfte Betriebswirt kann auf mehr als 18 Jahre E-Commerce Erfahrung zurückgreifen. Er begleitet erfolgreich zahlreiche E-Commerce Projekte verschiedenster Größenordnung – vom Startup bis zum börsennotierten Großunternehmen.

Oliver Kraft ist verheiratet und stolzer Vater von 2 Söhnen.

1 Comment
  • Dirk Wershofen

    15. September 2015 at 14:59

    Hallo Oliver,

    ich hatte auch dieses wahnsinns Vergnügen dort meine Nacht verbringen zu dürfen. Wie gesagt, ich habe meine Nacht dort verbracht, nicht geschlafen. Und genau wie Du, haben wir auch jetzt schon für nächstes Jahr (ganz in der Nähe der Location) unsere Zimmer gebucht. Ich finde es wirklich witzig, das die Buchungssituation von Donnerstag bis Samstag im nächsten Jahr, jetzt schon so angespannt ist. Es gibt wohl Einige die dort nicht nochmal hin möchten. Vielleicht sehen wir uns ja diesmal im gleichen Hotel und dürfen beide etwas mehr Ruhe geniessen 🙂

    Übringends, echt witziger Artikel, den könnte ich Copy/Paste so übernehmen.

    Grüße aus dem Rheinland!

    Dirk